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Reisebericht Dr. Andrea & Karl Tessarek

Brillenprojekt 2. bis 22. Feber 2006, organisiert von Mag. Dr. Emeka Emeakaroha, Kaplan in Obergrafendorf


Wir freuten uns schon lange auf unsere Reise nach Nigeria, nach Umunohu, ein Dorf im Süden des Landes im ehemaligen Biafragebiet und heutigen Imo-State. Wir nahmen gemeinsam mit 8 Optikern und mehreren Krankenschwestern an einem Brillenprojekt teil. Im Vorfeld gelang es uns Medikamente, welche wir noch dringend benötigen sollten, zu organisieren und teils zu kaufen.

Die medizinische Versorgung in diesem Gebiet liegt ziemlich im Argen, wie sehr, erfuhren wir aber erst später während unserer Tätigkeit im Dorf. Es gibt kein funktionierendes Sozialversicherungssystem wie in Österreich. Die Menschen dort haben jede medizinische Tätigkeit an Diagnostik und Therapie selbst zu bezahlen. Und dies bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 30 bis 100 Euro.

Zuerst musste noch die Einreise nach Nigeria geschafft werden, was auch Gott sei Dank ohne größere Schwierigkeiten gelang. Wir führten etwa 3500 Brillen und neben gespendeten, einen größeren Eigenbedarf an Medikamenten mit uns. Erst später erfuhren wir, dass niemand unsere Medikamente finden hätte dürfen, da die Einfuhr seit Neuestem einer speziellen Genehmigung des Gesundheitsministeriums bedurft hätte und daher verboten war.

Nach einer langen und heißen Fahrt im Autobus wurden wir von den Dorfbewohnern mit Musik und Tanz herzlich empfangen. Die Freude war groß. Die ersten Tage spazierten wir durch das Dorf und besuchten einige Familien, statteten dem Bischof von Okigwe und dem Erzbischof von Owerri einen Besuch ab. In Okigwe bekamen wir Einblick in das dort gelegene Priesterseminar. Der Direktor hatte am Nachmittag wegen des Fußballspiels Nigeria gegen Tunesien im Afrikacup unterrichtsfrei gegeben. In zwei riesigen Sälen drängten sich jeweils hunderte Seminaristen vor einem Fernsehgerät. Nigeria gewann im Elferschießen 6:5.

Am Sonntag wohnten wir einem Gottesdienst bei, der uns alle trotz seiner Länge von über drei Stunden in seinen Bann zog. Es wird gebetet, gesungen und getanzt, man fühlt sich in die Gemeinschaft aufgenommen und geborgen. Eine Musikgruppe mit einem Flötenspieler und Trommlern begleitete uns neben einer zahlreichen Kinderschar durch den Busch zurück zu unserer Unterkunft.

Wir freuten uns schon sehr auf den Beginn des Brillenprojektes und die allgemeinmedizinische Versorgung der Menschen, die nach mehreren Reden mit offizieller Begrüßung, Absingen der Nationalhymnen beider Länder und Eröffnung durch Landes- und Lokalpolitiker, endlich ihren Anfang nahmen.

Der Ansturm war überwältigend. Niemand hatte mit soviel Zustrom gerechnet. Nicht nur aus dem Dorf, sondern auch aus näherer und weiterer Umgebung kamen die Leute, teils sogar aus hunderten Kilometern Entfernung. Viele übernachteten im Freien oder in leer geräumten Gebäuden. Die Menschen hatten unglaubliches Vertrauen in uns und kamen oft mit Jahre alten Verletzungen, Erkrankungen und unbehandelten Brüchen und erhofften Hilfe.

Unsere Optiker versuchten allen eine passende Brille zu besorgen, was anfänglich auch wunderbar gelang, aber in der zweiten Woche immer schwieriger wurde, weil die gängigen Brillenstärken bald vergriffen waren. Uns ging es bei unserer „general doctor“ Arbeit nicht viel besser. Neigte sich doch nach einer Woche unser Medikamentenvorrat dem Ende zu. Wir mussten uns immer öfter überlegen, wie und was noch wo helfen könnte. In der zweiten Woche reduzierte sich die Behandlung zunehmend auf Blutdruckmessen, Verbandwechsel und medizinische Beratung. Auch dafür waren die Menschen dankbar. Wir haben unser Bestes getan und für die Weiterversorgung Salben und Verbandmaterial für mehrere Verbandwechsel mitgegeben. Für die Arbeit vor Ort wünschten wir uns wesentlich mehr Medikamente, ein Labor und zusätzlich bessere diagnostische Möglichkeiten. Viele Menschen leiden an Malaria, typhösem Fieber, Wurm- u. Pilzinfektionen, Arthritis und Arthrosen, Bluthochdruck, Magenleiden und -geschwüren sowie Hautausschlägen. Unsere Medikamente konnten sicher vielen helfen, aber leider nicht annähernd allen, die um Hilfe kamen.

An einigen freien Nachmittagen besuchten wir den Gouverneur des Imo-Staates, das Dorfspital, das Biafra-Kriegsmuseum, einen der führenden Politiker von Nigeria, der seine Residenz im Dorf aufgebaut hat und konnten sogar an einer traditionellen Hochzeit teilnehmen. Der mehrfache Besuch des täglichen Marktes war ein Erlebnis, als Mitbringsel waren Stoffe mit traditionellen, afrikanischen Mustern begehrt. Wenn wir spät abends beisammen saßen wurde gesungen, oft im Hof mit Kindern gespielt und gesungen und beim Entfernen der Haut gerösteter Erdnüsse mit den Frauen getratscht. Dabei lernte man Land und Leute besser kennen.

1200 Kinder freuten sich über mitgebrachte Luftballons, Zuckerl, Bleistifte und Farbstifte wie heiß begehrte Kugelschreiber. Dafür stellten sie sich stundenlang in der heißen Sonne in eine lange Reihe. Die Verteilung dauerte über 2 Stunden und Gott sei Dank konnten wir allen etwas geben.
Beim traditionellen Kulturnachmittag an dem wir als Ehrengäste teilnahmen führten uns über fünfzehn Musik- und Tanzgruppen ihre Tänze vor, wobei uns der Kriegstanz mit seinen besonderen Masken m meisten beeindruckte. Als sich das Brillenprojekt und unsere medizinische Arbeit dem Ende zu neigte, waren wir alle zwar etwas erschöpft, aber zufrieden, wenigstens einem Teil der Menschen geholfen zu haben.
Wir haben der Bevölkerung etwas gegeben, aber wir haben auch etwas bekommen und viel gesehen und dazu gelernt. In Erinnerung werden uns das dankbare Lächeln, ein dankbarer Händedruck, manchmal fragende und oft strahlende Kinderaugen und das hin gehauchte „God bless you!“ bleiben.

Man begegnete uns mit Freude, Begeisterung und Freundschaft, brachte Bananen, Ananas, Erd- und Kokosnüsse. Und obwohl der Großteil dieser Menschen arm ist und es praktisch an allem mangelt, wird viel gelacht, getanzt und gesungen, man freut sich noch über Kleinigkeiten und ist zufrieden. Diese Reise war ein ganz besonderes Erlebnis, das uns alle beeindruckt, sicher auch geprägt hat und bleibende Erinnerungen hinterlassen wird.

Dr. Karl-Heinz & Andrea Tessarek, März 2006