Nigeriareise 2016


Endlich war es so weit und unsere Reise konnte losgehen. Ich war voll Vorfreude und konnte es kaum erwarten meine Patenkinder und meine nigerianischen Freunde in die Arme zu schließen. Wir  - das waren 13 Mitreisende und Emeka  - trafen uns frühmorgens am Flughafen Wien Schwechat, wo ich das erste Mal Herzklopfen bekam, als ich die vielen Taschen sah, die eingecheckt werden mussten. Aber diese Hürde wurde gut  genommen und wir befanden uns bald auf dem Flug nach Frankfurt. Unsere Reise führte uns weiter nach Abuja, wo wir eine Zwischenlandung einlegen sollten. Doch nach der Landung erfuhren wir, dass wir einen Hydraulikschaden hätten und an einen Weiterflug nicht zu denken wäre. Wir mussten die Maschine verlassen  und wurden in ein nahegelegenes Hotel gebracht, wo wir genau 24 Stunden auf den Weiterflug warteten. Die Enttäuschung war momentan natürlich sehr groß, da wir in zwei Stunden unseren Zielflughafen erreicht hätten. Aber der Tag verging dann doch schneller als gedacht und wir konnten unsere letzte Flugetappe nach Port –Harcourt antreten. Dort übernachteten wir wieder in einem Hotel und fuhren am nächsten Morgen in Emekas Heimatdorf Umunohu. Die Straßenverhältnisse  sind unvorstellbar, tiefe Schlaglöcher und kleine Seen (es ist gerade Regenzeit) auch auf der sogenannten „ Autobahn“. Aber die Lenker meistern diese Missstände großartig und ich hatte nie ein mulmiges Gefühl. Außerdem gibt es keine Verkehrszeichen, das Wichtigste ist die Hupe, die wirklich sehr, sehr viel verwendet wird. Trotzdem sieht man keine verärgerten  oder zornigen  Fahrer, wie es in Österreich leider üblich ist.


Nach dreistündiger Fahrt kamen wir im Dorf an. Mit Gesang, Tanz und Umarmungen wurden wir empfangen. Die Willkommensfreude, die die Bewohner ausstrahlen, kann man nicht beschreiben und man fühlt sich sofort nicht mehr als Fremder. Als dann noch  ein Patenkind von mir mit strahlendem  Lächeln und ausgebreiteten Armen auf mich zulief war der Tag perfekt. Am Abend  gab es einen feierlichen Empfang von  Emekas  Eltern, wo wir nochmals aufs herzlichste und wie Familienmitglieder willkommen geheißen wurden und jeder  von uns einen wunderschönen Stoff als Geschenk bekam. In Österreich bringen wir dem Gastgeber ein Geschenk, in Nigeria ist es genau umgekehrt.

Am nächsten Tag besuchten wir den Wochenmarkt. Unglaublich viele Menschen boten ihre Waren an und der Lärmpegel war sehr hoch.  Auch der Geruch von getrockneten Fischknochen war etwas gewöhnungsbedürftig. Überall  sah man Menschen, die einem die Hände entgegenstreckten und mit fröhlichem  Lachen „ welcome, welcome“ zuriefen. Man spürte auch hier die Lebensfreude und Herzlichkeit dieser Menschen. Die wunderschönen afrikanischen Stoffe waren für uns Frauen natürlich faszinierend und wir kauften gleich tüchtig ein.

Danach führte uns der Bus zum Steinbruch. Die  Arbeitsbedingungen sind hier äußerst hart. Mit Eisenstangen werden die Felsbrocken gelockert , aus den  Gruben gehoben  und mit einem Hammer (manche verwenden nur ein hartes Holzstück, da das Geld für ein Werkzeug fehlt) auf die gewünschte Größe zerkleinert – und dies alles bei sengender Hitze. Zum Glück hatten wir heuer genug Kappen mit, um jedem Arbeiter eine zu schenken,  ein kleines Mitbringsel, aber bei den Menschen im Steinbruch sehr, sehr begehrt, da ihre Augen vor den Sonnenstrahlen etwas geschützt werden.

 

Am Sonntag erlebten wir eine vierstündige  Hl. Messe. Für uns Europäer hört sich diese Zeit schrecklich lange an, aber wenn man selber mitfeiern kann ,diese Lebendigkeit und Freude  spürt, die Begeisterung der tanzenden Kindergruppe sieht und den  Gesang des Damenchores hören darf, die ohne Noten fantastisch singen, fühlt man keine Zeit mehr. Dies ist eben Afrika

!

Am Nachmittag bauten wir die Geschenkstraße auf. Es ist üblich, dass jedes Kind von den Gästen eine Kleinigkeit bekommt ( Kappe, Kugelschreiber, Farbstifte, Shirts, Luftballons……). Heuer warteten ca. 950 Kinder, die sich schon Stunden  vor der Verteilung der Geschenke im Hof einfanden .  Als wir die vielen Kinder sahen wurden wir etwas nervös, weil wir nicht wussten, ob wir genug Geschenke mithätten. Aber  alles klappte gut und wir konnten jedem Kind eine Freude bereiten.

 Am Montag besuchten wir das „ Madonna Austrian Hospitals Ihitte“, welches vor  3 Jahren eröffnet wurde.  Die Leiterin des Krankenhauses zeigte uns alle Räume (Operationssaal, Kreiszimmer, Labor, kl. Apotheke, Büros, Behandlungszimmer, Bettenzimmer…..) und ich merkte sofort, dass auf Sauberkeit großer Wert gelegt wird. Dies erklärt auch, warum es noch zu keiner einzigen Infektion bei den Patienten kam, obwohl es schon einige Kaiserschnittgeburten gab. In den öffentl. Krankenhäusern stirbt hier meistens die Mutter nach dem Eingriff, weil die Hygiene katastrophal ist. Ungefähr 350 Kinder erblickten hier das Licht der Welt.  Es gab auch einige Mehrlingsgeburten und alles klappte immer wunderbar. In dieses Krankenhaus können  auch die Ärmsten  kommen, weil für sie die Behandlung kostenlos ist. Ein wahrer Segen für die Bevölkerung!

Eine Anschaffung, die die Ärzte dringend bräuchten, ist ein Röntgengerät.  Für uns Österreicher ist es eine Selbstverständlichkeit bei einer ungewissen  Diagnose Klarheit durch ein Röntgenbild zu bekommen. Hier muss der Arzt nach einem Unfall mit bloßen Händen einen Bruch ertasten und auch bei vielen anderen Erkrankungen wäre ein Röntgenbild für den Arzt eine riesengroße Hilfe, um die richtige Diagnose stellen zu können und es würde für sie ein Traum in Erfüllung gehen, wenn sie ein Gerät, das man in Lagos kaufen könnte, bekämen. Ich glaube, dass es realisierbar wäre, wenn viele Menschen  einen finanziellen  Beitrag gäben.

Da für Emeka die Schulbildung der Kinder sehr, sehr wichtig ist, beschloss er eine Schule zu bauen, weil  er mit dem öffentlichen Schulsystem nicht ganz zufrieden ist.  Er hat bemerkt, dass die Kinder, deren Eltern nicht schreiben und lesen können, oft schlechtere Leistungen erbringen, da Ihnen  zu Hause nicht geholfen werden kann,  aber sie  in der Schule keine spezielle Förderung bekommen. Diese Kinder sollen in dieser Privatschule besonders unterstützt werden. Der Grundstein für dieses  Schulgebäude wurde bereits im Februar gelegt. Wir waren sehr beeindruckt von der Größe der Baustelle und von den Baubedingungen. Alles ist reine Handarbeit, ob es um die Rodung der Bäume geht, das Mischen des Mörtels, die Herstellung der Ziegel, die Ausgrabung des Fundaments und noch vieles mehr. Dies alles wird nur durch Körperkraft geschaffen. Ich hoffe, dass  viele Menschen  mit ihren Spendengeldern dieses großartige Projekt unterstützen, damit der Bau zügig vorangehen kann. 

Auf der Heimfahrt von der Schule hatte ich dann das berührendste  Erlebnis. Da uns ein Mann vorher gebeten hatte ihn zu besuchen, blieben wir bei seiner Hütte stehen .Sofort waren wir von vielen Menschen umringt, alle freuten sich, dass „Weiße“ sie besuchten, es wurde geplaudert und gelacht, als sich plötzlich die Menschenmenge teilte und ein relativ junger Mann, sich auf die Hände stützend,  gekrochen kam. Seine Beine waren völlig leblos und hingen wie Bänder an seinem  Körper .Wir waren alle sehr bestürzt und baten Emeka, für ihn einen Rollstuhl zu  organisieren. Der Mann  aber sagte, dass dies für ihn nicht so wichtig sei, sein größter Wunsch wäre eine Patenschaft für seine zwei Kinder ,damit sie endlich eine Schule besuchen könnten und ihre Zukunft gesichert sei. Ich war von der Selbstlosigkeit dieses schwerst behinderten Menschen zutiefst beeindruckt und freute mich riesig, als eine Mitreisende spontan die Patenschaft der Kinder übernahm. Ich bin mir aber sicher, dass Emeka auch noch einen Rollstuhl für diesen  armen  Mann  auftreiben konnte.

In den nächsten Tagen hatten wir noch viele tolle Erlebnisse und Begegnungen,  sei es nun die Motorradfahrt durch den Busch, die uns immer sehr viel Spaß macht, oder der Besuch beim Medizinmann, der uns  die Behandlung eines Einheimischen vorführte.  Schneiderinnen kamen  i ns Haus und nähten für uns afrikanische Gewänder. Beim Rundgang durch das Dorf besuchten wir auch den blinden Mann, dessen Zufriedenheit und Herzlichkeit mich immer sehr berührt. Begleitet wurden wir immer von unzähligen  lachenden  und singenden Kindern. Für sie war es etwas ganz Besonderes, wenn sie an der Hand eines „Weißen“ gehen durften. Es war aber auch für mich ein Geschenk diese überschwängliche Freude mit ihnen teilen zu dürfen. 

Der absolute Höhepunkt der Reise war für mich das Wiedersehen mit meinen Patenkindern. Ich kann dieses Glücksgefühl nicht beschreiben, als ich die kleine Udochi Heidi traf, die ich vor zwei Jahren zur Hl. Taufe tragen durfte. Die Kleine hat sich wunderbar entwickelt und  ihre Mama ist sehr glücklich mit ihr. Sie sagte mir, dass sie ein Geschenk des Himmels sei. Trotz ihrer Armut wirken ihre Eltern nie unzufrieden oder unglücklich, im Gegenteil, ich habe sie nur mit strahlenden Gesichtern gesehen und mit einer unglaublichen Dankbarkeit mir gegenüber.

Meine „Große“, Lilian, bereitet mir ebenfalls sehr viel Freude. Sie macht gerade ihre Ausbildung zur Krankenschwester  und  glänzt mit ausgezeichneten Noten. Während unseres Aufenthaltes hat sie fleißig in der Küche mitgeholfen und so konnten wir uns täglich sehen. Dies war für uns beide besonders schön, machte aber den Abschied  sehr, sehr schwer. Auch  die Treffen mit den anderen Patenkindern erfüllten mich mit großer Freude, aber auch einer gewissen Traurigkeit, wenn sie mich wieder verlassen mussten. Ich hoffe, dass ich sie alle wieder gesund in zwei Jahren sehen werde.                        

An dieser Stelle möchte ich mich bei Emekas Eltern bedanken, die uns so liebevoll in ihre Familie aufgenommen haben.  Wir durften nicht nur in ihren Privatzimmern, die sie vorher geräumt hatten, schlafen, sondern wurden auch  während des ganzen Aufenthaltes von ihnen gratis und aufs Beste verköstigt. Wir freuten uns immer auf das Essen, ob  Yams, Paradeissoße, Spinatgemüse, Fisch, Süßkartoffeln , oder die schmackhafte  Melonenkernsoße, natürlich viel Obst, reife süße Bananen, Mangos, Orangen und jede Menge Erdnüsse, die auf dem Tisch nie fehlten. Wir erlebten hier wirklich eine Gastfreundschaft, die weit über das Übliche hinausging. Nochmals „danke“ an die Familie Emeakaroha und an die fleißigen Mädchen, die uns so freundlich bedienten.

Mein aufrichtiger Dank gilt dir, lieber Emeka. Du hast für uns wieder alles bestens organisiert,  und es gab kein Problem, das du nicht mit deiner freundlichen und ruhigen Art lösen konntest. Wir durften wieder viel über die Kultur  deines Landes kennenlernen und wir erlebten  wunderschöne, unbeschwerte Tage in deiner Heimat.  Ich wünsche dir weiter viel Kraft und Elan für alle deine Projekte, Menschen, die dich gerne unterstützen, und Gottes Segen, damit er dich immer gesund bleiben lässt.

Obwohl ich schon vier Mal diese Kulturreise mitgemacht habe, hoffe ich, dass ich in zwei Jahren wieder kommen kann, denn ich habe mich in das Land, besonders aber in die Menschen verliebt, die mir durch ihre  überschwängliche Lebensfreude, ihre große Dankbarkeit , Herzlichkeit und Offenheit  eine unvergessliche Zeit bereitet haben.

Adelheid Nestelberger

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